Sanierung der Judengasse: Rückblick

Judengasse im Jahr 2007

Sanierung der Judengasse: Rückblick

1988, Jahresbeginn:
im Klingenviertel hat sich eine Bürgerinitiative („IG Altstadt“) gebildet, vom Verein durchaus als mögliche Konkurrenz empfunden. Problemkreise neben dem teilweisen Verfall der Judengasse sind vor allem Nutzungsänderungen, Verkehrsbelastung, Abzug junger Familien. Ausschussmitglied Architekt Knoll wirbt in der Folgezeit mit verschiedenen exzellenten Vorträgen für die denkmalgerechte und zugleich finanziell machbare Sanierung von Altbauten.

1988, April, Mai:
Der Verein weist auf die Problematik im Klingenviertel und damit in der Judengasse hin und fordert, auch der Geschichtsforschung und Denkmalpflege in den ehemaligen Wohnvierteln der „kleinen Leute“ mehr Beachtung zu schenken als bisher.


Jüdische Grabsteine am Judentanzhaus in Rothenburg

© Oliver Gussmann, Rothenburg ob der Tauber

1988, Juli:
Frau Dr. Merz, die Leiterin des Reichsstadt-Museums, erhält von der Stadt eine Kündigung, gegen die sie sich erfolgreich zur Wehr setzt. Frau Dr. Merz hat sich u. a. intensiv um die Erforschung der jüdischen Geschichte Rothenburgs und deren Präsentation im Museum bemüht und diese Thematik hartnäckig und erfolgreich ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Damit wird auch der Blick der Öffentlichkeit stärker auf die Judengasse gelenkt. Für den Ankauf von Judaica stellt der Verein Frau Dr. Merz mehrfach erhebliche Geldmittel zur Verfügung.

1988, September:
Architekt Knoll referiert über die Judengasse

1988, Oktober:
Dr. Schnurrer referiert über Rabbi Meir ben Baruch. Die Frage nach dem Umgang mit der jüdischen Vergangenheit stellt sich immer deutlicher.

1988, November:
Bezirksheimatpfleger Dr. Töpner spricht über die jüdische Geschichte in Franken

1988, Dezember:
Im Burggarten werden auf Initiative von Herrn Knoll mehrere jüdische Grabsteine, die als Abdeckplatten der Burgmauer verwendet worden waren, ausgebaut und ins Museum gebracht.

1989, Januar:
Der Verein erbt von einem Gönner, mit dem Kassier Staudacher jahrelang in Kontakt stand, ein Haus in Heilbronn. Es wird beschlossen, das schuldenfreie und von AM Knoll begutachtete Haus zu verkaufen und ein Haus in der Rothenburger Altstadt zu sanieren. Das Haus wird schließlich für rund 420.000.- DM verkauft. Die Zinseinnahmen aus diesem Vermögen kommen dem Verein zugute.

1989, Februar:
Michael Kamp erhält einen vom Verein und vom Landesamt für Denkmalpflege zu gleichen Teilen finanzierten Werkvertrag, nach dem er die Hausgeschichte der Judengasse anhand des archivalischen Materials dokumentieren soll.. Unkosten für den Verein ca. 4000.- DM.

1989, November:
Ein Arbeitsausschuss des Vereins beginnt, einen Vorschlag für einen Bebauungsplan für die Altstadt auszuarbeiten, nachdem der Verein seit längerem nach einem solchen regulierenden, rechtlich abgesicherten Rahmen verlangt hat. . Die negativen Auswirkungen des Massentourismus für die Wohnbevölkerung sollen eingedämmt werden, die Altstadt soll zumindest in Teilen als Wohngebiet attraktiv bleiben bzw. wieder dazu gemacht werden.. Eine sinnvolle Verkehrsregelung und eine Beschränkung des touristischen Angebotes gehören ebenso zu den Forderungen wie eine stärkere Beachtung der Denkmalpflege, des Ensembleschutzes etc.

1989, Dezember:
Der Verein fordert, an der Schrannenscheune Repliken der ausgebauten und ins Museum verbrachten Judengrabsteine anzubringen. Auch der Ausbau der gefährdeten Grabsteine im „Rabbi-Meir-ben-Baruch-Gärtchen“ wird zum wiederholten Male angeregt – bis heute ergebnislos.

1990, März:
Christa Joist spricht im Vortragsprogramm des Vereins über „Die Judengasse – eine Gasse im Abseits?“ und den „Umgang mit jenem Teil Rothenburgs, der sich nicht gleich in Geld umsetzen lässt“.

1990, April:
Eine Ausstellung über die Judengasse wird in Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege geplant. Sie soll im Reichsstadt-Museum stattfinden, kommt aber nicht zustande.

1991, November:
Die Häuser Nr. 19 und 21 in der Judengasse werden dem Verein zum Kauf angeboten.

1992, April:
Ein tendenziöser Fernsehbeitrag im ZDF-Kulturmagazin „Aspekte“ sorgt für Aufregung in der Stadt. OB Hachtel: „Negative Meinungsmache“. “Disneyland“, „Falsifikate“, „Baufolklore“, „Fassadenfirlefanz“ als (polemische) Schlagworte sorgen aber vielleicht auch dafür, dass man den gefährdeten Resten originaler Bausubstanz wieder mehr Interesse entgegenbringt, nicht zuletzt der Judengasse.

1993:
Der Verein unterstützt das Museumsheft Nr. 3 des Reichsstadtmuseums: „Judaika im Reichsstadtmuseum“, (330 Seiten), hrsgg. von Frau Dr. Merz, mit maßgeblichen Beiträgen zur jüdischen Geschichte der Stadt, zur Wiederauffindung des Pogromsteins von 1298, zu Rabbi Meir ben Baruch, zu den jüdischen Grabsteinen etc.

1993, Februar/April:
Die Häuser Nr. 19 und 21 in der Judengasse werden vom Verein um ca. 124.000.- DM erworben. (Verkäufer: Stadt Rothenburg). Kassier Wilhelm Staudacher, Oberbürgermeister Hachtel und Stadtkämmerer Bücker führen Gespräche über die Finanzierung der Sanierungsmaßnahmen, zu denen der Verein rund 500.000.- DM als Eigenmittel beisteuern kann. Rund 400.000.- DM soll man aus Mitteln der Städtebauförderung erhalten, Landkreis und Bezirk wollen rund 60.000.- DM als Zuschuss bewilligen, der Rest der Bausumme von rund 200.000.- DM muss als Darlehen aufgenommen werden.

1993, Juni:
Architekt Knoll beginnt mit den Planungen

1993, Juli:
Im Haus Judengasse 23 werden von den AM Brehm und Gustav Weltzer mittelalterliche Bodenfunde geborgen und analysiert.

1993, August:
Teilweise unerwartete Sicherungsmaßnahmen fallen an den Vereinshäusern für das Geraderichten des Giebels, die Stabilisierung des Daches und für Außenputzarbeiten an. Die Dachsparren der Häuser 15 – 21, die einen zusammenhängenden Dachstuhl aus der Zeit um 1400 besitzen (spätmittelalterliches Reihenhaus), standen ca. 1,70 Meter aus dem Lot und ragten entsprechend weit ins nördliche Nachbarhaus hinein..

1993, August:
Vorbereitende Bauuntersuchungen in den beiden Häusern erfolgen, finanziert mit Mitteln der Städtebauförderung und des Landesamtes für Denkmalpflege. (Aufmaß, Dokumentation, Putzuntersuchungen etc.)

1994, Februar:
Der Verein erhält von Siegfried Schmidt das Haus Judengasse 15 geschenkt (Stockwerkseigentum.) Erste Mietanfragen laufen ein. Die Finanzierung wird von Kassier Staudacher über den Entschädigungsfonds beim Landesamt und über die Bayerische Landesstiftung gesichert.

1994, Oktober:
Die Bauaufträge an die einzelnen Handwerker werden erteilt. Herr Brehm betreibt archäologische Untersuchungen in den Häusern und den dazu gehörenden Gärten.

1995, Juli:
Kassier Wilhelm Staudacher verstirbt überraschend. Die Finanzierung der Baumaßnahmen an den Vereinshäusern ist überwiegend ihm zu verdanken.

1995, November:
Der Verein weist die Stadt auf die Bauschäden am Haus Judengasse 10 hin.

1996, März:
Die gesamten Baukosten für die Häuser werden nunmehr auf ca. 1.636.000.- DM geschätzt.

1996, Juli:
Herr Brehm zeigt Objekte aus dem Latrinenfund im Garten hinter den Häusern.

1996, November:
Die fast fertig gestellten Häuser werden dem Ausschuss und der Presse vorgestellt. OB Hachtel weist darauf hin, was in der Stadt inzwischen für die Judengasse geschehe, und dankt dem Verein für „vorbildliche Denkmalpflege“.

1998, März:
Die AM Dr. Heuser, Tittmann und G. Weltzer erinnern daran, dass vor 700 Jahren das Rindfleisch-Pogrom und vor 60 Jahren das Nazi-Pogrom am 9. November stattgefunden haben. Die Hoffnungen, einen Gedenkstein oder eine Erinnerungstafel etwa im Burggarten oder am ehemaligen jüdischen Bethaus in der Herrengasse durchzusetzen, sind gering. Manche meinen, es gebe „schon genug Gedenksteine in der Stadt“. Der Verein will seinen Beitrag zu diesen Gedenkjahren leisten. In der winterlichen Vortragsreihe des Vereins wird Prof. Lotter aus Kassel über die fränkischen Judenpogrome von 1298 und 1336 und ihre Hintergründe sprechen, Anja Friedl wird zwei Vorträge über den Aufstieg des Nationalsozialismus in Rothenburg und über die Ereignisse im „Dritten Reich“ halten. Das Thema „Jüdische Geschichte Rothenburgs“ soll damit erneut ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt werden.

1999, Juni:
2. Vors. Tittmann regt eine größere archäologische Sondierung an der Ecke Judengasse/Deutschherrngässchen an, deren Finanzierung und Unterstützung durch die Stadt er bereits vorbereitet hat. Der Verein beteiligt sich schließlich nach seinen Möglichkeiten an der großen Grabung, die im Sommer 2000 und 2001 von Frau Köber durchgeführt wird und die ein Stück der hochmittelalterlichen Stadtmauer mitsamt einem Wehrturm freilegt.

1999, November:
Der von Peter Nedwal geschaffene und vom Verkehrsverein finanzierte Gedenkstein zum Pogrom von 1298 wird an der Blasiuskapelle aufgestellt.

1999, Dezember:
Der Verein moniert die Zerstörung des alten Hauseingangs am Haus Judengasse Nr. 6. Die Stadt hat gegen den Widerstand des Landesamtes für Denkmalpflege die teilweise Zumauerung der straßenseitigen Haustür und die Entfernung der Treppe genehmigt.

2001, Februar:
Frau Köber berichtet in ihrem Vortrag über die Ergebnisse der Ausgrabungen am Stadtmauerturm in der Judengasse. Es beginnt eine Diskussion über die Zukunft des Grabungsgeländes. Die Eigentümer des Grundstücks zeigen sich sehr aufgeschlossen und entgegenkommend.

2002, Juni:
Eine Arbeitsgruppe des Vereins will sich mit dem Grabungsareal und Möglichkeiten zu dessen Sicherung bzw. Präsentation beschäftigen.

2002, Juli:
Es ergibt sich die Möglichkeit, das leerstehende und teilweise heruntergekommene Haus Judengasse 12 zu erwerben. Der Ausschuss beschließt den Kauf des Hauses. Es soll zunächst einmal vor dem weiteren Verfall gesichert werden. Der Kauf des Hauses ist inzwischen (Oktober 2002) abgeschlossen), eine Wintersicherung des Daches erfolgt.

2002, Dezember:
Der Ausschuss beschließt, die Grabungsfläche auf Kosten des Vereins zu sichern, so dass im Winter keine Schäden auftreten können. Man wird sich weiterhin darum bemühen, Geldgeber für eine dauerhafte Lösung zu suchen.

Dr. Richard Schmitt, 24.08.2003

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