Tilman Riemenschneider in Rothenburg und Creglingen – Bildwerke im Zeichen der Kirchenreform

Mi., 28.02.2018, 20 Uhr • Städtischer Musiksaal
Prof. Dr. Hartmut Krohm:
„Tilman Riemenschneider in Rothenburg und Creglingen –
Bildwerke im Zeichen der Kirchenreform“

Veranstalter:
Kunst & Kultur Stadt Rothenburg in Kooperation mit dem Evang. Bildungswerk Rothenburg und mit Unterstütung des Verein Alt-Rothenburg.

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Wenn es um die Beurteilung der Frühzeit der Reformation geht, kennt die populärwissenschaftliche Sichtweise kaum ein größeres Gegensatzpaar als den sächsischen Kurfürsten Friedrich den Weisen (1463 – 1525), den Förderer und Beschützer Luthers, und Kardinal Albrecht von Brandenburg (1490 – 1545), der als Erzbischof von Magdeburg und Mainz den Ablasshandel missbrauchte und dem man Prunksucht und Ämterhäufung vorwarf.

Und doch waren beide Kinder ihrer Zeit: Friedrich war wohl nicht so fortschrittlich und Albrecht nicht so reaktionär, wie es die konfessionell geprägte historische Überlieferung glauben machen möchte. In ihrer Kunstauffassung durchdrangen sich beispielweise altkirchliche und neue Vorstellungen.

Beide sammelten exzessiv Reliquien und präsentierten sie den Gläubigen; der sächsische Kurfürst in der Wittenberger Schlosskirche, Albrecht in seiner Residenzstadt Halle/Saale. Hier ging es nicht in erster Linie um die Selbstdarstellung, um reines Protzgehabe, sondern mit der Verehrung der „Heiltümer“ wollte man die Volksfrömmigkeit fördern.

Für die Wittenberger Schlosskirche hatte Friedrich der Weise 1505/06 ein großes Kruzifix anfertigen lassen, das einen zentralen Platz im Gotteshaus einnahm. (1760 ist es beim Brand der Kirche verlorengegangen.) Der Schöpfer des Bildwerks war Tilman Riemenschneider (ca. 1460 – 1531) aus Würzburg. Wie fast alle bedeutenden bildenden Künstler der Zeit stand er unter dem Einfluss des Elsässers Martin Schongauer (ca. 1445/1450 – 1491), der wiederum stark vom Niederländer Rogier van der Weyden (ca. 1400 – 1464) und seiner „naturalistischen“ Kunst geprägt war. Kupferstiche von Schongauer hatten eine eminente Verbreitung und dienten zahllosen Malern als Vorlagen.

Professor Krohm konzentrierte sich in seinen Ausführungen vor allem auf die Passionsdarstellungen Riemenschneiders. Der sächsische Kurfürst hatte sein Kruzifix sicherlich nicht allein deswegen bei ihm bestellt, weil er ein überragender „Techniker“ der Schnitzkunst war. Vielmehr stand der Würzburger Meister im Kontext einer neuartigen, auf individualisierte Frömmigkeit hinzielenden Interpretation der christlichen Kunst, die kurz vor der Reformation bahnbrechend wurde. Die Betrachtung der Bildwerke sollte zum Nachdenken über die eigene Sündhaftigkeit anregen, damit Hilfe im Leben sein und die Hoffnung auf die Erlösung stärken.

Deshalb besitzen die Figuren auf den Altären („Retabeln“) der Zeit oft ihr verklärtes Aussehen: Nicht das Leiden steht im Mittelpunkt, sondern die Aussicht auf das ewige Leben. Aus diesem Grund verwendete man auf den Bildern etwa für die Kleidung der Gottesmutter sehr teure, edle Farben und verlieh bei den Schnitzwerken den Figuren durch raffinierte Licht-Schatten-Effekte ein hohes Maß an Würde und Melancholie. Die Lichteffekte wiesen über den Tod hinaus; sie  erscheinen als eine Art Inszenierung einer jenseitigen Herrlichkeit, an der der Betrachter dereinst teilhaben kann.

Für Rothenburg war Riemenschneider von besonderer Bedeutung. Man darf zwar nicht übersehen, dass im Würzburger Raum im Zeitalter des Barocks sehr viele mittelalterliche Altäre durch neue ersetzt wurden und damit manches von Riemenschneider, seiner Werkstatt und seinen Schülern vernichtet wurde. Es fällt aber doch auf, dass um 1500 so gut wie alle größeren Aufträge aus Rothenburg an Riemenschneider gingen. Die geistlichen Institutionen der Stadt – vor allem der Deutsche Orden sowie die Klöster der Dominikanerinnen (heute Reichsstadtmuseum) und der Franziskaner (Herrngasse) – scheinen mit den neuen künstlerischen Entwicklungen und die über das Bild angestrebten theologischen Reformansätzen ihrer Zeit vertraut gewesen zu sein.

Eine bedeutende Rolle dürfte dabei der Maler und Vorsteher des Franziskanerklosters Martin Schwarz gespielt haben, dessen „Rothenburger Passion“ im Reichsstadtmuseum einen Besuch wert ist. Doch schon die Bilder von Friedrich Herlin auf der Rückseite des Hauptaltars von St. Jakob, den man von vorne mit seinen Heiligenfiguren als noch typisch statisch-mittelalterlich empfindet, weisen auf eine neue, von Reformvorstellungen beeinflussten Zeit voraus.

In Rothenburg und seiner Landwehr hat sich eine größere Anzahl von Werken Riemenschneiders und seiner Schule erhalten. Manches, was bis zum Ende der Reichsstadt noch erhalten war, wurde in den  Kunsthandel verschleudert. Man kann diese Fragmente einstiger Rothenburger Altäre in den Museen Europas und sogar Nordamerikas bewundern.

Im für den Westchor von St. Jakob konziperten, monochromen (nicht bemalten) Heiligblutaltar haben wir einen Höhepunkt von Riemenschneiders Kunst ebenso vor uns wie im kurz darauf (1502) entstandenen Creglinger Marienaltar. Die Franziskanerkirche und Detwang können „echte“ Arbeiten des Meisters vorweisen, die Kruzifixe von Neusitz und Insingen wurden wohl in seiner Werkstatt geschaffen, das (monochrome) Wettringer Retabel steht eindeutig in der Tradition Riemenschneiders. 

Wer sich heute bei der Betrachtung von Riemenschneiders Kunstwerken auf eine Interaktion mit ihnen einlässt und „meditiert“, unterscheidet sich vielleicht nur wenig von seinen spätmittelalterlichen Zeitgenossen.

Professor Krohm, der sich seit fast vierzig Jahren immer wieder mit dem Würzburger Bildschnitzer von europäischem Rang beschäftigt hat, sieht im Zusammenhang  der Riemenschneider-Forschung noch viele offene Fragen. Er wünscht sich in näherer oder fernerer Zukunft eine wissenschaftliche Forschungsarbeit, eine „Monographie“, die sich mit Riemenschneiders Wirken in und um Rothenburg beschäftigen wird.

Dr. Richard Schmitt