Die bürgerschaftliche Stiftung Kulturerbe Bayern hat ihren ersten Schützling gekauft

Die bürgerschaftliche Stiftung Kulturerbe Bayern hat ihren ersten Schützling gekauft

 

Der Erwerb des bedrohten historischen Gebäudes in Rothenburg ob der Tauber  ist komplett über Spenden finanziert – Ehrenamtliche haben bereits mit Arbeiten zur Rettung begonnen Holzuntersuchungen liefern faszinierende Ergebnisse – die nahezu vollständig erhaltene Bohlenstube entstand bereits in der Erbauungszeit des Hauses

Mit dem Kauf des vom Verfall bedrohten spätmittelalterlichen Wohnhauses Judengasse 10 in Rothenburg ob der Tauber ist es amtlich: Dieses Denkmal ist der erste Schützling im Besitz der noch jungen Initiative Kulturerbe Bayern. Heute hat die erst im November vergangenen Jahres gegründete Stiftung das Gebäude, das ein herausragender Zeuge Rothenburger und bayerischer Geschichte ist, vom Verein Alt-Rothenburg gekauft. Der Kaufpreis in Höhe von 75.000 EUR konnte komplett über Spenden finanziert werden.

Das Objekt, das seit Jahrzehnten leer steht und sich in einem dringend rettungsbedürftigen Zustand befindet, möchte Kulturerbe Bayern unter Teilhabe möglichst vieler Menschen wieder zu einem lebendigen Ort in der Altstadt Rothenburgs machen. Die bauvorbereitenden Maßnahmen, zu denen auch archäologische Untersuchungen gehören, sind bereits in vollem Gange. „Wir stehen noch am Anfang unserer Entdeckungsreise. Umso mehr freut es uns, dass Holzuntersuchungen erste wirklich faszinierende Ergebnisse geliefert haben, was das Alter der Bohlenstube angeht, die sich noch nahezu vollständig erhalten im Obergeschoss des Hauses befindet“, erklärt Dr. Johannes Haslauer. Der Historiker ist Vorsitzender des Vereins Kulturerbe Bayern und zugleich stellvertretender Vorsitzender des Stiftungsvorstands.

Experten für die Bestimmung des Alters von Hölzern haben nachgewiesen, dass die Eichen- und Fichtenhölzer, die für die Bohlenstube verwendet wurden, aus der Umgebung von Rothenburg stammen und 1409/1410 geschlagen wurden. „Die Stube entstand also bereits zur Erbauungszeit des Hauses. Sie dürfte zu den ältesten erhaltenen ihrer Art in Bayern gehören – genau wie das jüdische Ritualbad im Gewölbekeller“, so Haslauer. Bohlenstuben – von kräftigen Holzbalken ummantelt – waren oft der einzige beheizte Raum und damit die gute Stube eines Hauses. Das soll die Bohlenstube in der Judengasse 10 auch künftig wieder werden und Raum für vielerlei Begegnungen bieten.

Sobald weitere Arbeiten in der Bauvorbereitung und zur archäologischen Untersuchung abgeschlossen sind, wird die denkmalgerechte Instandsetzung vorbereitet. „Den Baubeginn planen wir abhängig vom Spendeneingang frühestmöglich im Laufe des Jahres 2019“, berichtet Dr. Andreas Hänel, Mitglied im Vorstand der Stiftung Kulturerbe Bayern und Projektleiter für die Rettung des Schützlings. Er bittet daher weiter um Unterstützung aus der Bevölkerung: „Für die weiteren Schritte benötigen wir die Hilfe der Menschen in Bayern. Jede Spende – gleich ob groß oder klein – ist ein wichtiger Beitrag, damit das Haus wieder ein Schmuckstück werden kann.“

Die Instandsetzung erfolgt mit erfahrenen Partnern aus der Region. Volunteers helfen mit, indem sie ihre Zeit und Kompetenzen in das Projekt unentgeltlich einbringen, wie zum Beispiel bei den archäologischen Untersuchungen in Zusammenarbeit mit dem Verein Alt-Rothenburg. Architekt Eduard Knoll koordiniert als Vertreter von Kulturerbe Bayern ehrenamtlich die Arbeiten vor Ort. Unternehmer aus der Region sind und waren bereits für das Projekt aktiv: Andreas Konopatzki und Klaus-Jürgen Edelhäuser vom gleichnamigen Architekturbüro sowie das Roßtaler Ingenieurbüro Christofori und Partner haben bei den bauvorbereitenden Maßnahmen ihre persönliche Zeit ehrenamtlich eingebracht. So entstand beispielsweise ein genaues digitales Aufmaß des Hauses als unverzichtbare Grundlage für die Instandsetzung.

„Dass wir heute den Kaufvertrag unterzeichnet haben, nur zehn Monate, nachdem wir uns für die Judengasse 10 als ersten Schützling entschieden haben, macht uns sehr dankbar“, sagt Dr. Johannes Haslauer. „Binnen kurzer Zeit haben wir zeigen können“, so Haslauer, „dass viele Menschen bereit sind, einen unmittelbaren Beitrag für die Erhaltung des gebauten kulturellen Erbes in Bayern zu leisten. Wir sind sehr glücklich über die große Unterstützung, die wir in den zurückliegenden Monaten erfahren haben – von unseren inzwischen knapp 800 Mitgliedern, von mehr als 150 Volunteers, die bereit stehen, konkret für gefährdete Kulturgüter tätig zu werden, sowie für die Stifter und Spender, die uns die notwendigen finanziellen Mittel zukommen lassen.“

Auch beim Verein Alt-Rothenburg ist man sehr zufrieden, dass mit dem Kauf des Denkmals die Rettung dieses einzigartigen Hauses konkret wird. Vorsitzender Dr. Markus Naser, der auch als regionaler Ansprechpartner von Kulturerbe Bayern in Mittelfranken aktiv ist, meint: „Dass wir die Judengasse 10 in die Obhut von Kulturerbe Bayern geben können, macht uns froh und glücklich. Damit hat die Judengasse 10 eine gute Perspektive, wieder zu einem echten Schmuckstück zu werden.“ Der Verein Alt- Rothenburg hatte die Judengasse 10 vor drei Jahren zu einem Kaufpreis in Höhe von 75.000 EUR erworben und gibt sie nun zum selben Preis an Kulturerbe Bayern weiter.

Das Nachbargebäude Judengasse 12, das sich seit 2002 im Besitz des Vereins Alt- Rothenburg befindet, wird nun ebenso wie die Judengasse 10 denkmalgerecht instandgesetzt. Die Restaurierung dieses Gebäudes übernimmt der Verein Alt- Rothenburg selbst und kooperiert dabei mit Kulturerbe Bayern. Dr. Markus Naser zum Zusammenwirken des Vereins Alt-Rothenburg mit Kulturerbe Bayern: „Wir freuen uns auf die Kooperation mit Kulturerbe Bayern mit dem Ziel, diesen Teil der Altstadt Rothenburgs als einzige noch erhaltene spätmittelalterliche Judengasse im deutschsprachigen Raum zu bewahren.“

Kulturerbe Bayern hat bei der Sparkasse Dachau ein Spendenkonto eingerichtet, auf das Spenden für die Instandsetzung der Judengasse 10 eingezahlt werden können: Sparkasse Dachau, IBAN DE38 7005 1540 0280 7801 98. Auch online zu spenden ist möglich. Unter www.kulturerbebayern.de/judengasse/spenden.html findet man dazu die notwendigen Informationen.

Über Kulturerbe Bayern

Der 2015 gegründete Verein Kulturerbe Bayern fördert das Engagement der Menschen für die Kulturschätze Bayerns, indem er sie zur Mitwirkung gewinnt – sei es als Mitglieder, Volunteers, Spender oder als Stifter. Am 5. November 2018 wurde als zweites Standbein der Initiative die Stiftung Kulturerbe Bayern gegründet, als bleibendes und weiter wachsendes Geschenk von Bürgern für die Bürger anlässlich des 100. Geburtstags des Freistaats. Als „bayerischer National Trust“ wird Kulturerbe Bayern wertvolle historische Gebäude und Kulturlandschaftsteile in Bayern in sein Eigentum übernehmen, mit geeigneten Maßnahmen erhalten und mit lebendigen und tragfähigen Nutzungskonzepten dauerhaft sichern.

Aktuell bilden knapp 800 Mitglieder das Fundament für die Aktivitäten der Initiative. Zudem haben über 190 Volunteers – Ehrenamtliche, die sich bereit erklärt haben, ihre Fähigkeiten für Kulturerbe Bayern einzubringen – ihre Unterstützung zugesagt. Die Aufgaben, die sie übernehmen werden, sind vielfältig: Sie reichen von der Mitarbeit bei der Instandsetzung von Gebäuden über die Betreuung und Organisation der Schützlinge bis hin zur Gestaltung von Programmen, bei denen der nachwachsenden Generation die Bedeutung des Kulturerbes vermittelt wird.

Über das Denkmal Judengasse 10

Das Denkmal Judengasse 10 in der Altstadt von Rothenburg ob der Tauber ist ein herausragender Zeuge Rothenburger und bayerischer Geschichte. Kulturerbe Bayern hat das Gebäude in seine Obhut genommen, um es denkmalgerecht instand zu setzen und wieder zu einem lebendigen Ort in der Altstadt Rothenburgs werden zu lassen. Erbaut um 1409 verfügt das einstige Wohnhaus über einzigartige historische Ausstattungsmerkmale: In seinem Untergeschoss befindet sich die einzige bislang entdeckte Mikwe der Stadt, ein jüdisches Ritualbad, das zu den ältesten in ganz Deutschland gehört. Im Obergeschoss beherbergt das Haus eine nahezu vollständig erhaltene Bohlenstube, also einen Wohnraum, der beheizt und vollständig aus Holzbohlen errichtet wurde, und oft in mittelalterlichen Burgen zu finden war. Die jüngsten Holzuntersuchungen haben ergeben, dass die Bohlenstube aus der Erbauungszeit des Hauses stammt.

 

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Das schreibt Kulturerbe Bayern zum Verkauf der Jugengasse 10
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Weitere Medienberichte

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Text:
Judith Schlumberger-Steger / Rudolf Himpser | Kulturerbe Bayern

Fotos:
Jochen Ehnes | Verein Alt-Rothenburg