Louis Schmetzer aus Rothenburg – baute er die ersten Fahrräder in Bayern?

Ein Experte für historische Fahrräder beim Verein Alt-Rothenburg

Am 21.02.2019 stellte Peter Ullein, der bereits mehrere Bücher zur Geschichte der Nürnberger Fahrradindustrie veröffentlicht hat, im Rahmen der winterlichen Vortragsreihe des Vereins Alt-Rothenburg in der „Glocke“ den Unternehmer Louis Schmetzer vor, der im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts in Rothenburg und später in Ansbach vor allem die industrielle Produktion von Kinderwägen betrieb – und nebenbei auch Fahrräder herstellte.

Seine Forschungsergebnisse zur Firma Louis Schmetzer & Co. hat Ullein in der Reihe „Nürnberger Fahrradgeschichte(n)“ in einem neu erschienenen Buch veröffentlicht.

Nach dem Anschluss ans Eisenbahnnetz 1873 entwickelte sich Rothenburg gegen Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur zur Fremdenverkehrsstadt, sondern auch zu einem durchaus beachtlichen Industriestandort. Von den früheren, recht großen Betrieben kennt man die Seifenfabrik Aula am Bahnhof (heute „Zentro“) und die Kinderwagenfabriken Heinrichmeier u. Wünsch sowie Haag u. Saalmüller vor dem Rödertor („HASA“-Gelände).

1856 hatte Rothenburg weniger als 5000 Einwohner – ein Tiefpunkt in der demographischen Entwicklung. 1881 waren es dann ca. 6500, 1890 überschritt die Stadt die Marke von 7000, 1910 zählte man etwa 8600 Einwohner, wobei der Aufschwung zu einem guten Teil der Industrie zu verdanken war. In diese dynamische Zeit fiel die Gründung der Kinderwagenfabrik Louis Schmetzer

Peter Ullein aus Nürnberg.

Peter Ullein hat Leben und Wirken des Rothenburger Industriepioniers gründlich erforscht und damit auch die hiesige Stadtgeschichtsforschung bereichert. Schmetzer wurde 1843 als Sohn eines Rothenburger Wundarztes („Chirurgen“) geboren, wanderte mit 19 Jahren nach Amerika aus und lebte in Chicago. 1873 kehrte er nach Rothenburg zurück und gründete eine Fabrik für  Kinderwägen und Spielwaren. Die Firma florierte, Rothenburg wurde zu einem wichtigen Standort der Kinderwagenindustrie. 1879 zählte das Werk 173 Beschäftigte, 1882 waren es 246.

Nach Differenzen mit der Stadt Rothenburg, vor allem aber wegen des schlechten Bahnanschlusses verlegte Schmetzer seine Firma 1890 nach Ansbach. Obwohl seine Firma wirtschaftlich erfolgreich war, nahm sich Louis Schmetzer 1897 in einem Züricher Hotel durch einen Kopfschuss das Leben. Vermutlich litt er an Depressionen.

Werbeanzeige im „Fränkischen Anzeiger“ von Louis Schmetzer.

Seine Firma wurde an das Rothenburger Bankhaus Haas verkauft und existierte in Ansbach weiter. („Louis-Schmetzer-Straße“ südlich des Bahnhofs) In Rothenburg waren bereits 1892 zwei Nachfolgebetriebe entstanden (Heinrichmeier/Wünsch sowie Haag/Saalmüller), die neben Kinderwägen auch Kinderspielzeug produzierten und 1907 zusammen 488 Arbeiter beschäftigten.

Wenig bekannt ist bisher die sehr frühe Herstellung von Fahrrädern durch Schmetzer in Rothenburg, die Peter Ullein in seinem Buch detailliert belegt.              

Peter Ullein (li.) und VAR-Vorsitzender Dr. Markus Naser vor dem Velociped (eines von nur noch drei vorhandenen Hochrädern) des Louis Schmetzer.

Nachdem bereits 1817 Karl Drais das Laufrad erfunden hatte, wurde erst 1867 auf der Weltausstellung in Paris das erste Tretkurbelrad präsentiert. Das war eines der berühmt-berüchtigten, heute kurios erscheinenden Hochräder, die einige Jahrzehnte das Radfahren beherrschten. 1886 wurde dann das „Sicherheits-Niederrad“ präsentiert; es war der Vorläufer des heutigen Fahrrads.

Das „Velociped“ entwickelte sich zu einem Riesengeschäft. Nürnberg wurde zu einem Zentrum der frühen Fahrradherstellung – „Hercules“, „Victoria“, „Premier“ und die aus England stammenden Marken „Triumph“ und „Mars“ sind bis heute bekannt. Auch Louis Schmetzer aus Rothenburg konnte sich in diese edle Ahnengalerie einreihen. Schon 1874 produzierte er Kinderfahrräder, 1878 dann Erwachsenenräder und war damit einer der ersten Fahrradpioniere in Süddeutschland.

Dr. Markus Naser, VAR-Vorsitzender bestaunt interessiert das Original-Hochrad von Louis Schmetzer. Es könnte eines der ersten Fahrräder sein, die überhaupt in Bayern gebaut wurden.

Wie viele Fahrräder die Schmetzerschen Fabrik in Rothenburg letztlich verließen, wird nie zu klären sein. Siegfried Stahl aus Ebersbach an der Fils/Württemberg, der dort ein kleines Fahrradmuseum betreibt, hatte eines der drei erhaltenen Schmetzer-Hochräder in die Glocken-Kelter mitgebracht, das vom Publikum gebührend bestaunt wurde.

Richard Schmitt | Fotos: Jochen Ehnes

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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