Ein eingestaubtes Juwel

Die Judengasse 10: Vor 600 Jahren erbaut mit einer einzigartigen Mikwe

Im Reigen der Rothenburger Häuser fällt das Haus in der Judengasse 10 aus der Reihe. Es ist nicht schön, es ist scheußlich. Planen sichern grob die Fassade vor weiterem Verfall, der blanke Stein ist zu sehen. Wer hier vorbei läuft, der vermutet, da hilft nur der Abriss.

Aber genau das will der Verein Alt Rothenburg, als Besitzer des Hauses, verhindern. „Der Verein hat sich der Denkmalpflege verschrieben, auch dann, wenn es sich aus wirtschaftlichen Aspekten vielleicht nicht lohnt“, sagt Vereinsvorsitzender Dr. Markus Naser. Aus kulturhistorischer Sicht lohnt sich aber jeder Cent, der in die Judengasse 10 fließt, denn hier wurde die bislang einzige jüdische Mikwe Rothenburgs gefunden.

Die gesamte Judengasse ist ein Rothenburger Kuriosum. Michael Kamp und Christa Joist schreiben in ihrem Buch „Archivalischen Untersuchungen“, Judengasse Rothenburg (1989), dass „dendrochronologische Untersuchungen ergeben haben, dass in Rothenburg das einzige noch erhaltene spätmittelalterliche Judenviertel Deutschlands die Jahrhunderte weitgehend unbeschadet überdauert hat“.

Heute wird sich dem geneigten Besucher außer der Straßenbezeichnung „Judengasse“ die historische Bedeutung nicht auf den ersten Blick erschließen. Die Judengasse mit Beginn nahe am Markusturm und dem Ende an der Klingengasse ist eine idyllische Wohnstraße im Zentrum der Stadt. Nur wenige Straßenecken weiter drängen sich die Touristen. In der Judengasse dagegen sitzen die Einwohner an lauen Sommerabenden mit einem Glas Wein vor der Türe. Hier ticken die Uhren noch anders.

Im 13. Jahrhundert erlebte Rothenburg eine Hochblüte der jüdischen Kultur, denn der berühmte Talmud-Gelehrte Rabbi Meir ben Baruch lehrte hier. Am Kapellenplatz stand die Synagoge und das Judentanzhaus. Rundherum befand sich das erste Judenviertel.

Vertreibung der Juden

Im Jahr 1298 fand dann im Zuge der Rindfleisch-Verfolgung ein „hundertfacher Mord von Christen an Rothenburger Juden“ statt (in: „Jüdisches Rothenburg o.d.T./2003, Einladung zu einem Rundgang“, Oliver Gussmann, S. 13). 1349 ging das Grauen weiter: durch das Pestpogrom flohen die letzten jüdischen Bewohner.  Nun waren die Juden aber meist begütert und die Stadt wollte sie als zahlungsfähige Bewohner zurück haben. Karl IV. übertrug Rothenburg 1352 die Erlaubnis zur Aufnahme und Besteuerung der Juden und es bildete sich eine neue jüdische Gemeinde (in „Geschichte und Kultur der Juden in Rothenburg o.d.T, 2012, hrsg. vom Bezirk Mittelfranken, S. 13). 

Man wollte zwar das Geld der Juden, aber mitten in der Stadt haben wollte man sie nicht. Daher beschlossen die Ratsherren im Rahmen der geplanten Stadterweiterung den ersten Stadtgraben zuzuschütten und dort die Judengasse zu errichten. 

Im Dachstuhl sieht man nicht nur von Rauch (der durch das Eulenloch abzog) geschwärzte Balken, sondern den mittelalterlichen Putz aus Stroh und Kuhmist. © Andrea Müller, Rotour

Erstmalig erwähnt wird die Judengasse im Jahr 1371 (in „Mehr als Steine“, Synagogen Gedenkband Bayern, Band II, 2010, S. 546ff). Die Judengasse war aber kein Ghetto.

Hier lebten Christen und Juden zusammen. Viele Handwerker siedelten hier und die Häuser waren mit Feuer und Bankrecht (Metzger) versehen. Schlosser, Schmiede, Blattner waren ansässig. Rauch, Lärm und stinkendes Abwasser gehörten zur Tagesordnung.

Idyllisch war es in der Judengasse nicht, aber das hat die Menschen damals nicht gestört. Kamps und Joist belegen, dass 1383 schon 33 Personen hier lebten, 1384 sind 50 Ansiedlungen in den Archivalien festgehalten. Dazu muss man wissen, wer als Jude in Rothenburg leben wollte, musste in die Judengasse ziehen. Die Juden hatten keine freie Wahl des Wohnortes. Die Häuser in der Judengasse wurden von der Stadt gebaut und vermietet.

Im Jahr 1410 ist das Haus in der Judengasse 10 gebaut worden, wie dendrochronologische Gutachten nachgewiesen haben, und es hat sich in der ursprünglichen Form bis heute erhalten. Dass die Jahrhunderte ohne große bauliche Eingriffe dahin zogen, ist in gewisser Weise dem Verfall der Judengasse zu verdanken. Im Jahr 1520 wurden die Juden erneut vertrieben und die Häuser fanden danach öffentliche Verwendung oder wurden von Hirten übernommen. Nach dem Dreißigjährigen Krieg sank der Sozialstatus der Bewohner weiter. Feindliche Belagerer nahmen hier Quartier. In der Judengasse 29 hausten Marketenderinnen und „zerstörten die Inneneinrichtung nachhaltig“ (in Kamp/Joist, S. 23).

In letzter Sekunde

Die Menschen waren bettelarm und in der Judengasse wurden Häuser sogar anteilig verkauft, aufgeteilt in Hälften, Drittel oder sogar Viertel. Teilweise haben 40 Personen in einem Haus gewohnt. Im Erdgeschoss waren Ställe für Schweine oder andere Tiere. Die Aborte waren in den Höfen.

Die Judengasse war aus dem Blick geraten. In den 1980er Jahren, mit Aufkommen der Denkmalpflege, kam die Judengasse überregional ins Gespräch. Im Frühjahr 1985 machte Eduard Knoll, Rothenburger Architekt und der Denkmalpflege mit Leib und Seele verschrieben, einen beachtlichen Fund. Im Rahmen der Aufmassarbeiten an dem Haus in der Judengasse 10, „stolperte“ er über ein Wasserloch im Keller. Es stellte sich schnell heraus, dass das eine historische Mikwe war.

Im ARD Kulturmagazin „Titel, Thesen,Temperamente“ wurde auf die Besonderheit der Judengasse und ihren Verfall aufmerksam gemacht. Die Süddeutsche Zeitung berichtet darüber, und die FAZ stellte in einem Artikel „Die Judengasse von Rothenburg. Pflegefälle: Ein bescheidenes, aber einzigartiges Stück Stadtgeschichte bröckelt “ am 22. November 1988 die Frage, was mit dem historischen Ensemble geschehen soll. Daraufhin bewegt sich etwas in Rothenburg.

Eduard Knoll und Gudrun Knoll-Schäfer waren eine der ersten, die Häuser in der Judengasse gekauft haben und sie nach denkmalpflegerischen Maßstäben restauriert haben. „Wir wollten zeigen, dass das geht“, sagt Gudrun Knoll-Schäfer. 

Ein Foto aus dem Fotoalbum von Hans-Gustav Weltzer: So sah das Haus Judengasse 10 in den 1960er Jahren aus. Foto: © Weltzer

Der Verein Alt Rothenburg, in den 1990er Jahren zu einer Erbschaft gekommen, sanierte zwei Häuser in der Judengasse. So kam Bewegung und damit neues Leben in die seit fast 700 Jahren bestehende Gasse. 
Einer der letzten Bewohner des Hauses in der Judengasse 10 war Hans-Gustaf Weltzer. Von 1956 bis 73 war das Haus im Besitz der Familie Weltzer. „Unten wohnte die Oma, oben die Familie“, erinnert er sich. Die letzte wirtschaftliche Nutzung sei zuvor eine Büttnerei gewesen, so Weltzer. Im Zuge des äußerst behutsamen Umbaus sei nach seinem Wissen 1956 der Eingang zum Keller bzw. zur Mikwe an die Hausrückseite verlegt worden. „Meine Mutter hat sich immer über eine Wandnische am Eingang gewundert“, so Weltzer. Vermutlich war das für den Schmuck gedacht, der vor dem Gang in die Mikwe abzulegen war.

 

 

 

 

 

 

Eduard Knoll und Dr. Markus Naser in der Bohlenstube aus dem Jahr 1550 Foto: © Andrea Müller, Rotour

Die Bohlenstube im ersten Stock war das Wohnzimmer der Weltzers. Die Familie hat dabei schon weitsichtig die Maßnahmen des Denkmalschutzes im Blick gehabt. Die Bohlen waren verkleidet und blieben somit unbeschadet erhalten.

Mitte der 80er Jahre ging das Haus in den Besitz eines Zimmermeisters aus Württemberg über. Der wollte das alte Haus in Eigenleistung einfach wieder herrichten. Als die akademische Diskussion um die Judengasse Tempo aufnahm, wechselte das Haus erneut den Besitzer, der aber nicht die Möglichkeiten hatte, es fachlich herzurichten.
Im Jahr 2006 stand der Abriss des Hauses kurz bevor, wie im Zeitungsbericht des Fränkischen Anzeigers vom 7. Dezember 2006 berichtet wird. Das Bayerische Landesamt verweigerte jedoch die Abbruchzustimmung. Im Oktober 2016 konnte der Verein Alt Rothenburg nach dem Tod des letzten Besitzers das Haus Judengasse 10 kaufen. Nun ist es ebenso wie das anschließende Haus Judengasse 12 in Vereinsbesitz, „aber alle finanziellen Reserven sind aufgebraucht“, so Naser.

„Der erste Schritt wird nun ein neues verformungsgetreues Aufmaß sein“, erklärt Eduard Knoll. Bei der zeichnerischen Bestandsaufnahme werden alle baulichen Verformungen und Spuren der Vergangenheit festgehalten. Und davon gibt es neben der Mikwe noch andere. Im ersten Stock des Hauses findet sich die vollkommen erhaltene Bohlenstube aus dem Jahr 1550. „Der Mitarbeiter vom Landesdenkmalamt war sprachlos, als er das gesehen hat“, so Naser. Die Stube wurde als eine Art „Holzkasten“ in das Zimmer eingesetzt, war gefasst und mit Fresken bemalt. Teile der Fresken hat Eduard Knoll in den 80er Jahren im Verbindungsloch zur Küche, das einst einem Kachelofen diente, gefunden. „Die Originalteile sind seitdem im Landesdenkmalamt in München gelagert“, stellt er fest.

 

Historische Fundstücke

Um den Putz an der Wand zu halten, haben die Handwerker einst spanische Reiter verwendet, die früher als gekreuzte Nägel in der Erde steckten und die feindliche Kavallerie aufhalten sollte. Einige von ihnen stecken heute noch im Holz.

Die Handwerker wussten sich dereinst zu helfen. Sie nutzten spanische Reiter, eigentlich eine Waffe um Kavallerien aufzuhalten, um dem Putz zu befestigen. Foto: © Andrea Müller, Rotour

Die größte Besonderheit in der Judengasse10 ist aber die Mikwe im Keller, ein gemauertes Wasserbecken, das zur rituellen Reinigung diente. Ursprünglich war die Mikwe direkt vom Haus über einen Vorraum zugänglich. Eine breite Treppe führt in den Gewölbekeller. Heute gelangt man über eine Treppe von der Rückseite des Gebäudes in die Mikwe.

Das Wasser einer Mikwe muss nach Vorgabe der jüdischen Gesetze fließend sein. Gespeist wird die Mikwe durch das Grundwasser, das als fließend bzw. sich stets erneuernd betrachtet wird. Fünf Treppen führen in das Becken, in dem auch sich heute noch glasklares Wasser befindet.

Ganz links sieht man den ursprünglichen Zugang. Heute kommt man über eine Treppe von der Hausrückseite in den Kellerraum. Foto: © Andrea Müller, Rotour

 

 

Man kann mit Sicherheit annehmen, dass die Mikwe über das ganze 15. Jahrhundert und im frühen 16. Jahrhundert benutzt wurde (in „Ein mittelalterliches jüdisch-rituelles Band in Rothenburg, Hannelore Künzl, Die Linde, April 1986). Die Mikwe, obwohl in ein Privathaus eingebunden, war kein rein privates Ritualbad, sondern stand auch anderen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde zur Verfügung. Die ursprüngliche Treppe zeigt in ihrer Breite, dass hier ein bequemer Zugang für mehrere Menschen gegeben war.

 

 

Die jüdische Mikwe: Fünf Treppenstufen füühren in das Tauchbecken, das zur rituellen Reinigung diente. © Andrea Müller, Rotour

„Zweifelsohne steht fest, dass es auch in anderen Häusern Mikwen gegeben hat“, so Markus Naser. Gefunden wurde aber noch keine. Das Haus Judengasse 10 ist somit ein Kulturgut besonderer Güte und der Verein Alt Rothenburg lässt sich trotz schwieriger finanzieller Ausgangssituation nicht von seiner Aufgabe der Restaurierung nach denkmalpflegerischen Kriterien abbringen. Erste Überlegungen zum Nutzungsplan stehen an. Danach soll es eine Broschüre geben, um Sponsoren zu gewinnen, Fördergelder zu beantragen und die Öffentlichkeit zu mobilisieren. „Etwa in einem Jahr wollen wir so weit sein“, so Naser. 

Wie genau die Nutzung der Judengasse 10 und des anschließenden Hauses, Judengasse 12, die in Teilen eine bauliche Einheit bilden, aussehen könnte ist noch unklar. Fest steht aber, dass die Mikwe für die Öffentlichkeit zugänglich sein soll. „Das wollen wir auf jeden Fall“, stellt Markus Naser fest.                               

Andrea Müller

 

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Mit freundlicher und ausdrücklicher Genehmigung der Chefredakteurin Andrea Müller dürfen wir Ihnen diesen Beitrag aus „Rotour“ – (Juli 2017, S. 8-13) zur Verfügung stellen. Dafür sagen wir „Vielen Dank“.

Gerne empfehlen wir Ihnen dieses informative und kurzweilige Stadtmagazin aus dem Rotabene-Verlag Rothenburg ob der Tauber. Hier erscheint übrigens auch die Heimatbeilage „Die Linde„, die vom Verein Alt-Rothenburg redaktionell verantwortet wird.