Stellungnahme des Vereins Alt-Rothenburg zu den Vorgängen rund um die Ausschreibung des Rothenburger Brauhausgeländes

Bereits seit Jahren versucht die Stadt Rothenburg, das ehemalige Brauhausgelände nördlich des Klingentors an einen Investor zu verkaufen, der dort einen Hotelbetrieb einrichten soll. In der Vergangenheit ist das nicht gelungen. Bis Ende 2018 bestand ein Vorkaufsrecht eines potenziellen Investors. Nachdem dieses erloschen war, wurde zu Beginn dieses Jahres eine neue Ausschreibung entworfen, in deren Entstehung unser Verein – wieder einmal – nicht eingebunden war. Wir haben der Stadt dennoch eine Liste unserer Vorstellungen übermittelt. Ein Feedback zu unserem Schreiben haben wir nie erhalten.

Die Ausschreibung erfolgte, ohne dass dem Verein Alt-Rothenburg der Ausschreibungstext zuging. Erst im Nachgang und auf Nachfrage wurden uns die entsprechenden Unterlagen zur Verfügung gestellt. Vom weiteren Fortgang des Verfahrens waren wir ausgeschlossen.

Am 4. Juli wurden dann drei verschiedene Projektentwürfe der Öffentlichkeit präsentiert. Allesamt von namhaften Architekten entworfen. Allesamt in modernem Stil gehalten. Und sicherlich allesamt tolle Entwürfe. Nur eine Frage wurde nicht befriedigend beantwortet: Passen diese Entwürfe wirklich zu Rothenburg? Passen diese Entwürfe wirklich zur städtebaulichen Situation vor dem Klingentor? Passen diese Entwürfe wirklich zur bislang ungestörten Stadtansicht von Westen her? Die Antwort auf alle drei Fragen ist eindeutig: Nein, sie passen nicht. Und man muss sich schon fragen: Warum ist den Architekten keine passendere Lösung für dieses Areal eingefallen? Die Antwort ist so einfach wie schockierend: Der Rothenburger Stadtbaumeister wollte keine bessere Lösung haben.

Beim Verfassen des Ausschreibungstextes hat sich der Rothenburger Stadtrat auf die Forderung nach einer „angepassten Neubebauung“ geeinigt. Eine solche Formulierung ist grundsätzlich zu begrüßen und lässt Gestaltungsmöglichkeiten in viele Richtungen offen. Auf Basis dieser Vorgabe sind Entwürfe in unterschiedlichsten Stilrichtungen denkbar.

Maßgeblich ist dagegen, dass sich die Entwürfe an das Bestehende anpassen, also einfügen. Diese gute Vorgabe wurde aber im weiteren Verlauf des Verfahrens vom Stadtbaumeister nicht adäquat umgesetzt, sondern eigenmächtig in eine völlig andere Richtung hin uminterpretiert. Gegenüber den sich bewerbenden Architekturbüros forderte er eine „moderne Architektur“ ein. Wörtlich schrieb er hierzu unserem Vorsitzenden am 16. Juli 2019: „Was die Gestaltungssatzung angeht, so wurde den Investoren im Vorfeld signalisiert, dass sich ein moderner Bau auch durch moderne Architektur auszeichnet und nicht ein Entwurf im historisierenden Stil gewünscht ist.“ Diese Festlegung auf eine „moderne Architektur“ ist durch den Ausschreibungstext des Stadtrates nicht gedeckt und wurde, so die Aussage mehrerer Stadtratsmitglieder, auch in den Stadtratssitzungen weder in dieser Form diskutiert noch beschlossen.

Unser Verein hat in einem Schreiben an alle Stadtratsmitglieder darauf hingewiesen, dass das zu verkaufende Areal im Bereich des Ensembles der Rothenburger Altstadt liegt und dass in diesem Bereich die Rothenburger Baugestaltungssatzung gilt. Diese Satzung schließt moderne Architektur mit Flachdach und Betonfassade – völlig zu Recht! –  aus. Der Stadtbaumeister reagierte prompt und in unnachahmlicher Arroganz: „Unsere Gestaltungssatzung hat zwar derzeit auch in diesem Gebiet Gültigkeit, allerdings kann mittels Bebauungsplan immer auch eine hiervon abweichende Festsetzung getroffen werden.“

Problematisch ist, neben vielen anderen Dingen, dass der Stadtbaumeister davon ausgeht, dass es nur entweder eine moderne oder eine historisierende Architektur geben kann. Dass es aber auch einen Zwischenweg zwischen modern und historisierend gibt und dass es genau dieser Zwischenweg war, der den Wiederaufbau Rothenburgs nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt hat, lässt er völlig außer Acht.

Unsere wunderschöne Altstadt wird deswegen heute noch als Einheit wahrgenommen, weil die Stadtplaner in den vergangenen Jahrzehnten ein gutes Gespür dafür hatten, wie sich neue Gebäude in den historischen Bestand einfügen müssen, damit sie das Ensemble nicht zerstören. Die Grundsätze des Wiederaufbaus, nämlich der weitgehende Verzicht auf historisierende Gebäude (prominente Ausnahme: Die Gerlachschmiede), aber gleichzeitig auch der bewusste Verzicht auf moderne Architektur (wie etwa in Würzburg), haben erst bewirkt, dass Rothenburg trotz der Kriegszerstörungen seinen Ruf als mittelalterliches Kleinod bewahren konnte und viele Besucher gar nicht erkennen, dass die Stadt in großen Teilen zerstört gewesen ist. Dass wir heute mehr als 500.000 Übernachtungen jährlich und um die 2 Millionen Tagesgäste in der Stadt haben, ist nicht zuletzt diesem Umstand geschuldet.

Wenn Rothenburg diesen Weg aufgibt und anfängt, wie alle anderen Städte „modern“ zu bauen, dann wird die Einmaligkeit Rothenburgs in wenigen Jahren der Vergangenheit angehören und die Touristen werden der Stadt scharenweise den Rücken kehren.

Unser Stadtbaumeister will mit den Rothenburger Traditionen brechen und innerhalb des Ensemblebereichs ohne jede Rücksicht auf die Baugestaltungssatzung modern bauen lassen. Unter Missachtung des Willens des Stadtrats hat er die am Bewerbungsverfahren beteiligten Architekten dazu gedrängt, nur Entwürfe mit moderner Architektur einzureichen. Das Ergebnis ist bekannt. Dass diese Entwürfe der Rothenburger Baugestaltungssatzung diametral entgegenstehen, ficht ihn nicht an.

Der Verein Alt-Rothenburg appelliert hiermit an die Mitglieder des Rothenburger Stadtrats, dass sie klarstellen mögen, dass eine „angepasste Neubebauung“ nicht mit einer „modernen Architektur“ gleichzusetzen ist. Er bittet die Stadtratsmitglieder, dafür Sorge zu tragen, dass die gute Tradition der Wiederaufbaugebäude in den Neubauten auf dem Brauhausgelände ihre Fortsetzung findet. Dafür ist keine Neuausschreibung des Brauhausgeländes nötig. Die vorliegenden Entwürfe können den Vorgaben unserer Baugestaltungssatzung relativ problemlos angepasst werden. Gegen kleinere Abweichungen (größere Fenster etc.) haben auch wir keine Einwände, aber massive kubische Flachdachbauten aus Glas und Beton im Bereich des geschützten Ensembles lehnen wir ab.

Wir haben hier die einmalige Gelegenheit zu zeigen, dass sich ein zeitgemäßer Neubau auch mit den strengen Vorgaben der Rothenburger Baugestaltungssatzung in Einklang bringen lässt. Und das ist auch genau das Signal, das wir als Stadt nach außen (an die Touristen) und nach innen (an die eigenen Bürger) senden sollten. Nur wenn die Stadt ihre eigenen Satzungen ernst nimmt, kann sie auch von ihren Bürgern erwarten, dass sie die Vorgaben ernst nehmen.

Vorstand und Ausschuss des Vereins Alt-Rothenburg